Paradoxe Situationen in der Führung

Die Studie des Monats

 

Wie wir mit organisatorischen Widersprüchen umgehen!

In den vergangenen 10 – 15 Jahren haben sich immer mehr Studien damit beschäftigt, wie Führungskräfte und Manager mit den Widersprüchen umgehen, die es in jeder Organisation gibt.

In den letzten Monaten wendete man die Aufmerksamkeit zunehmend einer Beobachtung zu, nach der die Führungskräfte selbst, insbesondere im oberen Management auf C-Level, selbst ein widersprüchliches Verhalten zeigten, was in der Folge zu widersprüchlichen, also paradoxen, Situationen in ihrer Organisation führte. Diese Betrachtungsweise ist – wenn auch nicht überraschend für jeden – doch relativ neu.

 

Die Besonderheit von Paradoxien

Der Begriff der Paradoxie bezieht sich auf Situationen, die widersprüchlich sind und trotzdem miteinander zusammenhängen. In solchen Situationen erscheinen uns die einzelnen Bestandteile der Situation in sich logisch und rational zu sein, zusammen betrachtet sind sie aber irrational und albern.

In der Begleitung von Unternehmen habe ich solche Situationen – insbesondere in größeren Veränderungsprozessen – häufiger erlebt:

Auf der einen Seite werden die Mitarbeiter dazu angehalten, möglichst alle Systeme, Prozesse und Verfahrensanweisungen so stark wie möglich zu standardisieren, um die Effizienz zu steigern und die Kosten zu senken. Und auf der anderen Seite wird alles unternommen, um auch die kleinsten individuellen Bedürfnisse der Kunden zu erkennen, auf sie einzugehen und soweit wie möglich die Personalisierung der eigenen Angebote zu erhöhen.

Da wird dann nicht nur die Rechnung wie ein persönliches Dankesschreiben vom Management formuliert, sondern auch eine besonders individuelle Verpackung verwendet, ein handgeschriebener Zettel der Versandmitarbeiter beigelegt und ein individuell ausgestellter Gutschein ins Päckchen gelegt.

Natürlich ist es für sich betrachtet sinnvoll, den Kunden durch diese hohe Individualisierung möglichst eng an sich zu binden. Und natürlich ist es hilfreich, Durchlaufgeschwindigkeiten durch strenge Standardisierung  zu erhöhen, damit die Versandkosten nicht zu teuer werden.

Gemeinsam betrachtet sieht es aber so aus, als ob gleichzeitig in zwei unterschiedliche Richtungen gezogen wird. Und das sorgt für eine paradoxe Situation im Unternehmen, die bei Mitarbeitern häufig für Unverständnis und Kopfschütteln sorgen.

 

Eine Studie aus dem Jahr 2019 hat sich das widersprüchliche Verhalten des Management aus einer interessanten Perspektive angesehen.

    Die Studie wurde von Wissenschaftlern der Universitäten von Peking  (School of Psychological and Coginitive Sciences, Key Laboratory of Behaviour and Mental Health) und Shanghai (University of Finance and Exonomics, College of Business) durchgeführt. Sie näherten sich der Frage der Paradoxien in Organisationen mit Hilfe einer Kerndisziplin alter traditioneller Philosophie: dem Daoismus.

    Für den Daoismus ist die Widersprüchlichkeit des Lebens eine Grundlage des Denkens und Beobachtens. Im Kern strebt der Daoist danach, das bestehende Chaos des Lebens ohne eigene Wertung zu beobachten und darin Muster zu erkennen.

    Im berühmten Dao de Jing, einer Sammlung von Sprüchen, die der Religionsgründer Lao Tse bereits im 4. Jahrhundert vor Christus verfasste, findet der geneigte Leser Hinweise darauf, wie er mit dem Leben in Harmonie kommen kann.

    Die Forscher der Studie entwickelten für ihre Untersuchungen ein Befragungsinstrument, das sie als PLB-CD bezeichneten. Die Buchstaben stehen für „Paradoxical Leader Behaviour in Corporate Development“. Mit diesem Instrumentarium untersuchten sie quasi das YIN und YANG der Organisation und ihrer Führungskräfte, um im Bild zu bleiben.

    Das Yin und Yang Prinzip

    Ganz grundlegend geht es bei Yin und Yang darum, dass das Universum ein sehr dynamisches, harmonisches und sich ständig veränderndes System ist. Die Anwendung dieser Prinzipien darauf, was in Organisationen geschieht bedeutete, dass die Forscher über einen gewissen Zeitraum hinweg zusätzliche Faktoren in die Betrachtung einarbeiten mussten:

    1. Die Verflechtung der Organisation mit ihrer Umwelt in Form von Ursache-Wirkungsbeziehungen und
    2. die Transformation durch innere und äußere Veränderungen, Aktionen und Reaktionen.

    Bei näherer Betrachtung muss jede Organisation mit den teilweise widersprüchlichen und inkonsistenten Anforderungen von Kunden, Stakeholdern, Anteilseignern und Kollegen umgehen.

    Daneben müssen weitere externe Gruppen wie Behörden, Gewerkschaften, Presse und Öffentlichkeit etc. beachtet werden. Die Geschäftslitung und das Management wollen die Organisation für die Zukunft weiterentwickeln und sorgen ihrerseits zusätzlich dafür, dass sich der Status Quo verändert.

     

    Die Ergebnisse der Studie: 4 paradoxe Kräfte sind am Werk!

    Die Wissenschaftler konnten aufgrund ihres Befrgungsinstruments vier Kräfte identifizieren, die in jeder dynamischen Organisation zum Entstehen von paradoxen Situationen führen:

    1. Beibehaltung der kurzfristigen Effizienz bei gleichzeitiger Konzentration auf die langfristige Entwicklung,
    2. Die vereinten externen Kräfte im Umfeld des Unternehmens zu unterstützen und zu festigen, aber dennoch mitzugestalten,
    3. Sowohl Stabilität wie Flexibilität zu fördern,
    4. Unterstützung und Verfolgung der Interessen sowohl der Aktionäre wie aller anderen Stakeholdern.

    Diese vier gegeneinander wirkenden Faktoren treten umso stärker auf, je höher der Grad der Unsicherheit in der Umwelt der Organisation ist, also je mehr Veränderungen anstehen.

    Führungskräfte, die sich eher durch eine Langzeit-Orientierung auszeichnen sind dabei wesentlich anfälliger für paradoxe Verhaltensweisen als diejenigen mit einer Kurzfrist-Perspektive.

    Die Langzeit-Perspektive hat aber einen deutlich positiven Einfluss auf:

    • Research und Entwicklungskapazitäten und Investitionen in diese,
    • die Entwicklung des eigenen Marktanteils und
    • den Ruf des Unternehmens nach außen, sowohl bei Kunden wie am Arbeitsmarkt und bei Investoren.

    Die Forscher fanden heraus, dass die Fähigkeit der Organisation, sich gleichzeitig auf die erfolgreiche Nutzung aktueller Ressourcen, Produkte, Dienstleistungen, Systeme und Prozesse wie auch auf die Entwicklung neuer Ressourcen, Produkte, Systeme und Prozesse zu konzentrieren (Ambidextrie), an sich eine Reihe von Paradoxien aufwirft, die die Führungskräfte zu bewältigen haben.

    Führungskräfte, die erfolgreich darin sind, Widersprüche zu managen, und mit den Paradoxien umzugehen, die durch eine langfristige Orientierung entstehen, sind eher dazu in der Lage, diese Widersprüche ganzheitlich zu betrachten.

    Sie sind sich der konkurrierenden Anforderungen bewusst und erkennen, dass diese Paradoxien sowohl ineinander verschachtelt als auch in einen Kontext eingebettet sind und sich in einem komplexen Geflecht von Wechselbeziehungen gegenseitig beeinflussen.

    Anforderungen an Führungskräfte

    Für Führungskräfte ergeben sich daraus die folgenden Anforderungen:

    1. Sie müssen in der Lage sein, komplexe Zusammenhänge zu erkennen und zu verstehen,
    2. Sie müssen ihr Verhalten flexibel anpassen können und ein Verständnis dafür haben, dass die verschiedenen Elemente innerhalb der Organisation unterschiedlich behandelt und geführt werden müssen.
    3. Sie müssen ein Verständnis dafür entwickeln, welche Elemente in eine ganzheitlich funktionierende Organisation wie integriert werden müssen.

    Dies, so hat sich herausgestellt, erfordert sowohl die Trennung als auch die Integration von verschiedenen organisatorischen Funktionen, was die Grundlage der „ambidextrischen“ Führung ist.

    Die Forscher schlussfolgern daraus, dass eher eine Ying-Yang- oder „Sowohl-als-auch“-Einstellung statt einer „Entweder-Oder“-Mentalität gefordert ist, in der Führungskräfte Paradoxien erkennen und verbinden, sie nebeneinander existieren lassen und sich an sie anpassen, indem sie sowohl beobachten als auch führen.

    Dies erfordert erhebliche Flexibilität im Kopf und die Fähigkeit, mit komplexen, unsicheren, mehrdeutigen und widersprüchlichen Ideen gleichzeitig umgehen zu können.

    Referenz:

    Zhang, Yan & Han, Yu-Lan (2019). Paradoxical leader behaviour in long-term corporate development; Antecedents and consequences. in: Organisational Behaviour and Human Decision Processes, Band 155, S. 42-54

    https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0749597818301663?via%3Dihub

     

     

    Quelle:

    Oxford Review (Oxcognita LLC) für Five Elements Consulting & Training GmbH, 2021